"DIE KÖLNER THEATERZEITUNG", 11 MÄRZ 2010
WIE VIELE SCHAUSPIELER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND SIND EIGENTLICH IN KÖLNER ENSEMBLES? UND UM WESSEN VORLIEBEN, PERSPEKTIVEN UND PROBLEME GEHT ES IN THEATERSTÜCKEN? FESTGESTELLT WERDEN MUSS: AUSLÄNDER UND IHRE THEMEN TAUCHEN AUF DER BÜHNE RELATIV SELTEN AUF. AKT STELLT IN DIESER AUSGABE DREI KÖLNER (LAIEN)-GRUPPEN VOR, DIE MIT FREMDSPRACHEN UND INTERKULTURELLEN ANSÄTZEN MAL EIN GANZ ANDERES PUBLIKUM IN DIE FREIEN THEATER HOLEN.
THEATER PRIDWORNIJ: „RUSSISCHES THEATER IST THEATER DES GEFÜHLS“ Das Ensemble vom Theater Pridwornij, Foto: Theater Pridwornij termine und kontakt unter: www.theater-pridvvornij.de
Seit 10 Jahren gibt es das russische Theaterensemble nun schon, das in Köln das einzige seiner Art ist: Das Theater Pridwornij hat seine Nische gefunden und steht für russischsprachiges
Schauspiel. „Wir möchten unsere russische Theaterkultur auch hier in Deutschland zeigen. Viele intellektuelle Russen sind ganz hungrig auf unsere Stücke. Wir spielen nur in russischer Hochsprache
- damit die jungen Leute die Sprache nicht vergessen und um den Älteren das Kulturniveau zu bieten, das ihnen hier vielleicht in ihrer Landessprache fehlt“ sagt Liliana Volnikow, seit 17 Jahren
in Deutschland und ausgebildete Schauspielerin aus Russland. „Deutsches Theater ist ein Theater der Formen, russisches Theater dagegen ist das Theater des Gefühls“ sagt sie. „Deswegen wollen wir
auch gar nicht mit deutschsprachigen Schauspielern konkurrieren. In unserer professionellen Ausbildung in Russland lernen wir, sehr emotional mit den Texten umzugehen, in ihnen zu leben. Auf
Deutsch könnte ich das gar nicht - schon allein wegen meines Akzents.“ Die russischsprachige Gemeinde in Köln danke es ihnen, auch wenn die Erwartungen an die Gruppe groß seien. Regisseur
Alexander Pototski, der ebenfalls sein Studium an einer der renommiertesten Moskauer Schauspielschulen abschloss, inszeniert seit 2000 mit dem Theater Pridwornij Komödien, aber auch Dramen von
Tschechow und Camus. Seit 5 1/2 Jahren ist ihr fester Spielort die Bühne der Kulturen in Ehrenfeld. „Wir fühlen uns hier wie zu Hause“, sagt Liliana Volnikow und ist dankbar für die viele Hilfe,
die die Gruppe bekommt. Dreimal pro Woche probt das Ensemble kostenlos im russischen Verein „Familienwelt e.V.“ in Köln. Sponsoring ist wichtig für das Theater Pridwornij. Denn: Das Theater
verdient mit dem Schauspiel kein Geld. „Es geht uns vielmehr um die Kunst und unser Publikum“, so die Schauspielerin.
Die aktuelle Komödie „Wo ist mein Koffer?“ nach dem britischen Autor Ray Cooney spiele man in Russland überall - auch deutsche Zuschauer könnten nach Volnikow und ihrem Regisseur Pototski Teilen
der Inszenierung folgen, dank Gestik und Mimik, was allerdings vielleicht etwas viel verlangt ist: Bei der Probe war ich eher aufgeschmissen.
TEATRO LUSOTAQUE: TRANSPORT VON PORTUGIESISCHER SPRACHE UND KULTUR Fabian Aquilo (links) in einer der lustigsten Rollen in „Arranha-ceus“, Foto: Teatro Lusotaque termine und kontakt unter: www.lusotaque.de
Das Severins-Burg-Theater ist heute Abend ausverkauft. Die Leiterin und Gründerin des Teatro Lusotaque, Beatriz de Medeiros Silva, ist zufrieden. Dabei bedient die Laiengruppe eigentlich nur eine
bestimmte Zielgruppe: Ihre Stücke sind ausschließlich auf Portugiesisch. Ihre achte Produktion „Arranha-ceus“, zu Deutsch „Wolkenkratzer“, eine Komödie nach einem Roman des portugiesischen Autors
Jacinto Lucas Pires, hat de Medeiros Silva gemeinsam mit dem Ensemble in eine Bühnenfassung gebracht. „Neunzig Prozent von Lusotaque sind Studenten“, erzählt sie. „Mein erstes Ziel ist, dass die
Studenten durch das Theaterspiel die portugiesische Sprache und Kultur kennen lernen.“ Seit Gründung von Lusotaque im April 2006 wechseln die Mitglieder der Gruppe immer wieder, alle kommen aus
dem Studiengang Regionalwissenschaften Lateinamerikas der Universität zu Köln. Muttersprachler sind sie nicht, Jeder spricht mit eigenem Akzent, mal mit portugiesischen Einflüssen, mal mit
basilianischen, aber trotz allem auf einem guten sprachlichen Niveau. „Wir wollen die portugiesische Welt für das deutsche Publikum öffnen“, sagt Beatriz de Medeiros Silva. Als deutscher
„Fremdsprachler“ versteht mal allerdings nicht mal die Hälfte des Stückes. Doch: In den vielen kleinen einzelnen Szenen von „Arranha-ceus“, die oft Filmszenen ähneln, bekommt man ein ganz
spezielles Gefühl für das Leben in den Straßen von Lissabon. Dem Perückenmacher, dem Popkornverkäufer, allen dort typischen Figuren wird überzeugend Leben eingehaucht. „Wir haben nicht primär den
Wunsch nach einer perfekten Inszenierung, sondern erst einmal Spaß am Theatermachen“, meint Charlotte Grieser, Mitglied des Ensembles.
Manchmal seien die Proben mit Studenten anstrengend, alle wollen immer überall mitreden, sagt Beatriz de Medeiros Silva und weiß aber auch, was das Besondere an solch einem studentischen Ensemble
ist: „Wir haben viel kreative Energie und bringen frischen Wind ins Theater. Wir improvisieren mehr und sind freier als die Profis.“ Unterstützt werden sie dabei von Kölner Privattheatern,
gespielt haben sie schon in der studiobühneköln, der Bühne der Kulturen und der Orangerie, dieses Mal im Severins-Burg-Theater. Und wie geht es weiter? Die portugiesischen oder brasilianischen
Texte sind bei Lusotaque gerne sehr politisch. So wie das nächste Stück, das vom Putsch im afrikanischen Guinea-Bissau 2009 handelt.
TURKISH DELIGHT: SYMBOLISCHER EURO FÜR TÜRKISCHE UNTERHALTUNG Theater für einen Euro, Foto: Turkish Delight termine und kontakt unter: www.studiobuehne-koeln.de
Es ist kurz vor Karneval, und die Mitglieder von Turkish Delight haben sich dazu einen Sketch ausgedacht: Eine „Veranstaltung für Integration und Karneval“ - ein Seminar, in dem ausländische
Mitbürger auf das bunte Treiben zum Fastelovend vorbereitet werden sollen. Die elf Schauspieler der Gruppe, alle Türken, ziehen das Thema „Integration“ ganz bewusst ins Lächerliche: „Das sind
Ausländer, das kann gefährlich werden.“ Klischees werden bis zur Schmerzgrenze bedient; der Alkoholiker, der leicht zu reizende Schläger, die billig angezogenen Mädchen, alle sitzen in diesem
„Seminar“ und hören zu, wenn es ums Trömmelsche, die Polonäse oder den obligatorischen Seitensprung an Karneval geht.
Es ist der erste von fünf selbst geschriebenen und inszenierten Sketchen an diesem Abend. Das Ganze nennt sich „Ein-€-Theater“ und bleibt seinem Namen treu: einen Euro Eintritt bezahlt man in der
studiobühneköln, ein symbolischer Wert, den man in dieser Spielzeit einmal pro Monat jedes Mal für ein anderes Programm zahlt. 2006 gründete Kadir Zeyrek zusammen mit Numan Sarrac die Gruppe
Turkish Delight. Die meisten der elf Mitglieder sind Studenten. „Das ist aber keine Voraussetzung“, sagt Zeyrek, auch nicht dass man türkischer Abstammung sei. „Unsere Tür ist für alle ganz weit
offen.“ Mit Turkish Delight soll in erster Linie eine Plattform geschaffen werden, auf der sich die Mitglieder kreativ austoben können. Jeder der jungen Laiendarsteller darf mal einen Sketch
selbst schreiben, meist handeln sie weniger von allgemeinpolitischen Diskussionen als von kuriosen Alltagssituationen. Dabei geht es Zeyrek gar nicht so um die Vermittlung der türkischen Sprache,
auch wenn einige der Sketche mit türkischen Redewendungen gespickt sind: „Unser erstes Projekt ,Egitim Sart - Bildung muss sein' war auf Türkisch. Derzeit planen wir als Turkish Delight
allerdings nur Produktionen auf Deutsch.“ Das liegt daran, dass Turkish Delight ein besonders breites Publikum ins Theater holen möchte, Ausländer und Deutsche. „Unsere Zuschauer kommen aus allen
Schichten und allen Altersgruppen. Der symbolische Eintrittspreis von einem Euro soll es Jedem ermöglichen, einen Theaterbesuch zu finanzieren“, sagt Zeyrek. Interessant auch für den
Kooperationspartner, die studiobühneköln, die so ein etwas anderes Publikum in der Probebühne erwarten dürfte.
HENRIETTE WESTPHAL